Montag, 30. Januar 2012

Purer Luxus

Heute gibts mal wieder ein wenig Offtopic bei mir. Grund dafür ist eine Sendung im Fernsehen, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Es war der Markencheck von H & M letzte Woche, der mich, als bekennender Nicht-mehr-Klamotten-Freak, sehr nachdenklich gemacht hat. Nun, dazu bedarf es ohnehin nicht allzu viel, aber die Sendung zeigt eine nachhaltige Wirkung bei mir.

Es ist verrückt, aber jedes Mal, wenn ich seit dem unter der Dusche stehe, muss ich an die 12jährige Näherin aus Bangladesch denken. Das Bild des zarten Mädchens, das sich vor der 5 qm "großen" Hütte in Containerreihen, in der es mit seiner Familie wie viele, viele andere dort lebt, mit Wasser aus einem Eimer auf der Erde hockend wäscht, spukt mir im Kopf herum, während ich mich einseife. Wie es dort in diesem Slum wohl riecht, wo so viele Menschen so eng aufeinander leben, läßt sich nur erahnen, wissen will man es glaube ich nicht wirklich. Ihr Monatslohn beträgt 35 Euro, die Miete für die Besenkammer-Hütte beläuft sich auf 32 Euro. Man muss kein Mathegenie sein, um zu wissen, das dieses Geld vorne und hinten nicht ausreicht. Dafür arbeitet dieses Mädchen - ich bin eigentlich geneigt hier Kind zu sagen - 12 Stunden und mehr, meistens im Stehen! Ich überlege kurz, was ich mit 12 Jahren so gemacht habe und glaube, dass ich mein Dasein ziemlich genossen habe. Gut, unsere Wohnung war nicht die größte, weil wir eigentlich mehr im Geschäft (hier Kneipe) zu Hause waren. Aber ich hatte ein Zimmer, das alleine so groß war, wie die Hütte für die ganze Familie. Wir hatten ein Bad, eine Küche, ein Wohnzimmer - eben das übliche. Ja, für uns vollkommen normal. Das Auto, das Fahrrad, das Pferd, das Skateboard, die Rollschuhe, den Schreibtisch und so weiter hier noch zu erwähnen, fällt mir gerade sehr schwer. Für mich war das alles selbstverständlich, genau wie der Kleiderschrank voller Klamotten, der Kühlschrank voller Lebensmittel und jeden Tag leckeres und abwechslungsreiches Essen auf dem Tisch. Täglich nur klumpigen Reis zu essen, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen und wie sich richtiger Hunger anfühlt, weiß ich auch zum Glück nicht.

Ich stehe also unter der Dusche und genieße die morgendliche Körperpflege unter heißem Wasser, mein Blick schweift im Bad umher, es gefällt mir immer noch sehr. Als wir das Reihenhaus gekauft haben, haben wir das komplett erneuert, so, wie wir es haben wollten. Auf Knopfdruck kommt fließendes Wasser aus den Hähnen, und ebenso auf Knopfdruck verschwinden unsere Fäkalien im gefühlten Nirgendwo und hinterlassen keine unangenehmen Gerüche (schließlich haben wir ja auch Dufterfrischer), ach ja, ein Gäste-WC gibts auch noch. Doch was hier gerade einen dekadenten Beigeschmack bekommt, ist für uns völlig normal. Dieses Mädchen, würde es unser Häuschen betreten, würde vermutlich denken, wir wären steinreich. Fast in jedem Zimmer Fernseher, einige Laptops und überall Möbel und Platz ohne Ende. Drei Etagen plus Keller für inzwischen nur noch 3 Personen - das wirkt gerade sehr seltsam auf mich.

Ich bin irgendwie beschämt.

Die Welt retten kann ich nicht, wie ich inzwischen weiß, das wollte ich nämlich als junges Mädchen schon tun. Denn die Welt hat einfach zu viele Baustellen und die vor allem alle gleichzeitig. Nein, ich kann an diesen Zuständen nicht wirklich etwas verändern, egal für welche Partei ich mein Kreuzchen mache, egal, wie selbstlos meine Absichten sind und in welchem Laden ich meine Klamotten kaufe.

Eins aber kann ich ganz gewiss, und das ist dankbar sein. Ein bisschen weniger jammern hier und da, und mich wieder mal etwas mehr in Bescheidenheit üben. Wenn es dann noch ab und zu mit einer Spende irgendwo zu helfen gilt, dann tu ich das, genau wie viele kleine Dinge in meinem unmittelbaren Umfeld. Wie wertvoll bestimmte Dinge in meinem Leben wirklich sind, ja, das habe ich durch diese Sendung wieder gesehen. Und auch wenn das jetzt klingt wie "Kirche in Einslive" war es mir ein Bedürfnis, das mal los zu werden.

1 Kommentar:

  1. Du bist beschämt weil du in eine Welt geboren wurdest, die du dir nicht selber ausgesucht hast. Weil du Eltern hattest, die dir einen bescheidenen Luxus ermöglicht haben.

    Die Eltern der jungen Näherin würden das ebenso für ihr Kind machen, wenn sie die Möglichkeit hätten.

    Die Welt ist ungerecht, Menschen sind grausam. Jeder von uns kann nur ein ganz klein wenig dafür tun, dass es besser wird. Wenn alle so denken würden wie du, wäre die Welt definitiv besser.

    So lange aber Egoismus und Geld die Welt regiert werden wir weiterhin in den Läden die Kleider kaufen können die die kleine Näherin angefertigt hat.

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