Donnerstag, 12. Juli 2012

Von Sabotage, dem lieben Gott und einem schönen Lauf

Gestern war mal wieder so ein Tag, an dem meine Laune von jetzt auf gleich einen 180 Grad Schlenker gemacht hat. Ohne einen für mich erkennbaren Grund, war ich auf einmal schlecht drauf. Geplant hatte ich eigentlich eine Runde zu laufen, doch mit dem starken Regen auf dem Nachhauseweg wurde auch meine Motivation hinweg gespült. Zu Hause angekommen, zauberte ich mir erst mal einen schönen Salat, obwohl ich eigentlich gar nicht sooo hungrig war - aber essen ist eben immer ein gutes Mittel bei spontanem Trübsal.

Über das Essen kam dann doch der große Hunger und ich stopfte wieder in mich hinein, was nicht bei drei wieder im Kühlschrank ist. An Laufen war also nicht mehr zu denken - die Laune wurde schlechter und schlechter. Was immer hilft in solchen Situationen ist ein Nickerchen. Danach sieht die Welt meist wieder freundlicher aus. Und in der Tat kam eine Stunde später sogar die Sonne raus. Das hätte mich sicher motivieren sollen, tat es aber nicht. Je größer die Gedanken waren, doch laufen gehen zu müssen umso mieser fühlte ich mich. Als dann auch noch mein Tageshoroskop meinte, dass am Abend nicht mehr viel geht, stand endgültig fest, dass ich heute nur noch ein Date mit der Couch haben würde und nicht mit den Laufschuhen. Wohlgefühlt hab ich mich dabei nicht, im Gegenteil, es fühlte sich wieder heftig nach Selbstsabotage an. Während ich noch eine nicht schmeckende Zigarette rauchte (ja, ich bin wieder mal rückfällig geworden!), konnte ich mich wenigstens mit dem Gedanken anfreunden, dass es besser wäre, die Dinge endlich mal so zu akzeptieren, wie sie gerade sind.

Wie lange quäle ich mich schon mit meiner Figur herum, die für mein Befinden zu dick ist?! Wie viele Jahre mache ich mir deswegen schon das Leben schwer?! Ja und nun kommt schon seit geraumer Zeit die Sache mit dem Rauchen bzw. nicht mehr Rauchen hinzu. Ich weiß nicht, oder noch nicht, warum ich immer wieder umkippe. Es gibt Phasen, da bin ich sowas von felsenfest davon überzeugt, dass ich sicher nie wieder rauchen werde und dann, in irgendeiner schwachen Minute passiert es wieder, aus einer Laune heraus. Und es gibt viele vermeintliche Launen für"schwache Minuten", da sind Stress, Langeweile, Ärger, Freude und Belohnung nur einige wenige Beispiele. Ausreden gibts viele, was bleibt, ist ein schlechtes Gewissen und ein noch schlechteres Gefühl. Aber wie sagt meine Therapeutin so schön: Was ist so schlimm daran, wenn sie dann eben ein paar Zigaretten rauchen? Das Heimliche Dirk gegenüber ist im Grunde das Schlimmste. Und der hat eigentlich beim letzten Mal ziemlich cool darauf reagiert. Ich weiß, dass er das nicht gut findet und enttäuscht ist. Aber es ist eben im Moment so, wie es ist. Es ist schon schlimm genug, dass ich mich seit Jahren wegen meines Gewichts verrückt mache, jetzt kommt auch noch das Rauchen hinzu. Nein, ich will das nicht mehr.

Ein Trauerfall in der entfernteren Familie hat mich sehr nachdenklich gestimmt, als ein 57jähriger, nicht rauchender, sportlicher Familienvater nach dem Tennisspielen tot vom Stuhl gefallen ist. Bums. Von Jetzt auf Gleich Schluss mit lustig. Ich habe mir daraufhin vorgestellt, dass ich am Tage X beim lieben Gott, oder wem auch immer, antreten muss. Er fragt mich dann, wie denn so mein Leben gewesen sei, ob ich es genossen habe, dieses einzigartige Geschenk des Lebens. Ich überlege kurz und antworte, ehrlich und frei Schnauze wie immer, aber sichtlich peinlich berührt: "Öhm, nee, eigentlich war ich immer unzufrieden, ich habe ständig mit meiner Figur gehadert, ich habe mich immer über mich selbst geärgert, dass ich nicht stark genug war, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich war auch immer langsamer als andere beim Laufen und hatte nie das Gefühl, für mich selbst gut genug zu sein. Ich denke, ich wollte wohl irgendwie immer einem Bild entsprechen, das andere überhaupt nicht von mir haben - eine mission impossible also." Er schaut mir in die Augen und meint: "Das tut mir jetzt sehr leid, Marion, aber deine Zeit ist jetzt und hier abgelaufen." Zu meinem Ego meint er breit grinsend: "Tschakka, du hast deinen Job perfekt erfüllt, gratuliere! Wieder ein Mensch, der das Leben nicht zu schätzen wusste und nicht verstanden hat, dass Glück und Zufriedenheit nur im eigenen Kopf existiert." Ein schlechtes Gewissen ist eben nur eine Erfindung des Egos, einzig und alleine dazu da, uns das Leben schwer zu machen.

Eine emotionale Doppelfolge Private Practice hat mir dann so halbwegs den Abend gerettet; seltsamerweise empfinde ich das Leid anderer immer wieder als tröstlich, denn schließlich geht es mir verdammt gut und ich bin gesund. Ja, ich weiß, ist nur ein Film, aber sowas gibts schließlich im wahren Leben auch. In der Werbepause, in der ich dann mit Dirk in München telefonierte, beschloss ich, am Morgen vor der Arbeit eine Runde laufen zu gehen. Damit fühlte sich das schlechte Gewissen schon ein wenig besser an. Ich setzte den Wecker auf 6 Uhr, fest entschlossen, auch wirklich laufen zu gehen.

Gesagt, getan, um sieben Uhr verließ ich das Haus. Die 13 Grad waren ganz nach meinem Geschmack, doch der Wind hätte etwas weniger heftig sein können. Ein Hauch von Herbst hing irgendwie in der Luft. Ich drehte meine 6 km Standardrunde und trotz der Musik in meinen Ohren, konnte ich meinen Gedanken nach hängen. Ich empfand meinen Lauf als sehr langsam. Doch diesmal war es mir egal, ich wollte ihn einfach nur genießen mit jedem Schritt. Mir blies der frische Wind entgegen, die Sonne schien durch die Bäume, der feuchte Geruch des Waldes umgab mich und ich wurde mir dessen bewusst, wie mich meine zwei gesunden Beine im Laufschritt durch den Wald tragen. Zwei gesunde Beine hat schließlich nicht jeder. Ich wähle dieses Beispiel ganz gezielt, denn meine Kollegin von einer anderen Schule hat vor einiger Zeit ein Bein amputiert bekommen und sitzt seit dem im Rollstuhl. Als mich diese Nachricht erreichte, standen mir die Tränen in den Augen. Ich wollte mir gar nicht erst ausmalen, wie ich mich in dieser Situation fühlen würde, ich denke, ich kann das auch gar nicht wirklich nachempfinden. Aber die Vorstellung, nie wieder laufen zu können, scheißegal in welcher verdammten Zeit, die fand ich ganz grausam. Ein Leben mit nur einem Bein ist für mich schier unvorstellbar. - Heute habe ich eine ganze Tafel Milka-Schokolade gegessen. Na und? Lecker wars.

Wenn ich wieder mal mies drauf bin, hoffe ich, mich an diesen Blogeintrag zu erinnern, damit er mich wieder zur Vernunft bringt. Ja, ich weiß, es ist nicht gut, immer nur das Leid der anderen zu sehen, um sich besser zu fühlen. Vielleicht hab ich es ja diesmal geschnallt, worauf es im Leben wirklich ankommt. Viel zu schnell vergisst man es leider immer wieder und sabotiert sich selbst aufs Neue...


Der Weg, den Du gehst, gehst Du immer nur für Dich! 
Akzeptieren, was ist. Klingt so einfach und kann doch so verdammt schwer sein.

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