Donnerstag, 6. Februar 2014

Offtopic: Nachdenkliches zum Thema Krankenhaus und Sterben

Schon als Kind hat mich das Thema Tod und Sterben sehr beschäftigt. War mein Denken als Kind eher geprägt von Verlustängsten, so stehe ich dem Thema heute etwas "abgeklärter" gegenüber. Na ja, zumindest im Denken; wie das in der Praxis irgendwann mal aussieht, wenn ein mir nahe stehender Mensch gehen muss, kann ich nicht abschätzen. Als mein Vater vor nun schon 15 Jahren mit gerade erst 55 Jahren starb, war sein Tod eine Erlösung. Sein Krebsleiden war so heftig, dass ich jeden Tag gebetet habe, der liebe Gott möge ihn doch endlich erlösen von diesen Qualen. Viele Operationen, Bestrahlungen und Krankenhausaufenthalte haben die letzten Monate seines Daseins geprägt. Ich war erschüttert, was ein Mensch ertragen muss, und vor allem kann. Mein spirituelles Denken hat sich inzwischen geändert, so ist der Tod für mich der Übergang in eine andere Daseinsform. Aber ich möchte an dieser Stelle nicht über Glaube, Reinkarnation oder Karma sprechen. Ich werde im März mit einem Hospizhelferkurs beginnen und zu diesem Thema habe ich mir ein ganz tolles, vielseits gelobtes und empfohlenes Buch gekauft, von Dr. Elisabeth Kübler-Ross. Sie gehört zweifelsfrei zu den Pionieren in der westlichen Welt bei diesem Thema. Was sie im Nachfolgenden schreibt, hat mich sehr beeindruckt und deshalb möchte ich es hier für Euch einfach mal zitieren.

Den Namen des Buches nenne ich erst am Ende, um hier nicht evtl. jemanden zu verschrecken (denn was ich zitiere, hat mit dem Titel des Buches hier noch nichts zu tun) ;-)

…„Sicher gibt es mehrere Motive für die Flucht vor der Realität des Todes, doch das wichtigste liegt vielleicht in der Tatsache, daß Sterben heute grausamer als früher ist, so einsam, so mechanisiert und unpersönlich, daß man zuweilen nicht mehr angeben kann, in welchem Augenblick der Tod eintritt.

Die Einsamkeit, die unpersönliche Behandlung setzen schon ein, wenn der Kranke aus der gewohnten Umgebung herausgerissen und hastig ins Krankenhaus geschafft wird. Wer sich jemals in solchem Augenblick nach Ruhe und Trost gesehnt hat, vergißt niemals, wie man ihn auf die Trage packte und mit heulenden Sirenen ins Krankenhaus transportierte: Der Transport ist der Beginn einer langen Leidenszeit. Schon der Gesunde erträgt kaum die Geräusche, das Licht, die Pumpen, die vielen Stimmen, die den Kranken im Notaufnahmeraum überfallen. Vielleicht sollten wir mehr an den Patienten unter seinen Decken und Laken denken, sollten unsere gutgemeinte Tüchtigkeit und Hast einen Augenblick vergessen, dem Kranken die Hand halten, ihm zulächeln und seine Frage beantworten. In vielen Fällen ist der Transport ins Krankenhaus schlicht die erste Phase des Sterbens. Wenn ich in diesem Zusammenhang immer wieder an den Gegensatz zu dem Kranken erinnere, der in seiner gewohnten Umgebung bleiben darf, will ich damit natürlich nicht sagen, daß man ein Leben aufgeben sollte, das in einer Klinik vielleicht noch gerettet werden könnte: Ich möchte nur dazu auffordern, mehr als zur Zeit an die Situation des Kranken und seine Reaktionen zu denken. Häufig scheint man dem schwerkranken Patienten das Recht auf eine eigene Meinung abzusprechen, wenn man bestimmt, ob er ins Krankenhaus gebracht werden soll. Aber es kann ja schließlich nicht so schwierig sein, sich daran zu erinnern, daß der Kranke selbst Gefühle, Meinungen und vor allem das Recht hat, gehört zu werden.

Im Notaufnahmeraum der Klinik entfaltet sich sofort die Geschäftigkeit von Schwestern, Pflegern, Assistenzärzten; vielleicht stellt sich eine Laborantin zur Blutabnahme ein, ein Spezialist, der das Elektrokardiogramm machen will; vielleicht packt man den Kranken auf den Röntgentisch. Jedenfalls fängt er hier und da eine Bemerkung über seinen Zustand oder entsprechende Fragen an seine Angehörigen auf. Langsam, unausweichlich beginnt man ihn als Gegenstand zu behandeln, er hört auf, eine Person zu sein. Oft entscheidet man gegen seine Wünsche, und wenn er sich dagegen aufzulehnen versucht, verabreicht man ihm ein Beruhigungsmittel. Nach langen Erörterungen rollt man ihn vielleicht in den Operationssaal oder in eine Station für Intensivbehandlung, wo er zum Gegenstand intensiver Bemühungen und großer finanzieller Investitionen wird.

Er mag um Ruhe, Frieden und Würde flehen – man wird ihm Transfusionen, Infusionen, die Herz-Lungenmaschine, eine Tracheotomie (Luftröhrenschnitt) verordnen – was eben medizinisch notwendig erscheint. Vielleicht sehnt er sich nur danach, daß ein einziger Mensch einmal einen Augenblick bei ihm stillhält, damit er ihm eine einzige Frage stellen kann – doch ein Dutzend Leute macht sich rund um die Uhr an ihm zu schaffen, kümmert sich um seine Herz- und Pulsfrequenz, um Elektrokardiogramm und Lungenfunktionen, um seine Sekrete und Exkremente – nur nicht um ihn als Persönlichkeit.

Auflehnung hilft nichts, denn alles wird ja nur getan, um sein Leben zu erhalten – und wenn man es retten kann, ist ja später immer noch Zeit, an ihn als Individuum zu denken. Wer zuerst den gesamten Menschen in Betracht zieht, könnte darüber wertvolle Zeit zu seiner Rettung verlieren! Das jedenfalls scheint die Begründung oder Rechtfertigung der ganzen Betriebsamkeit zu sein – oder ist es ganz anders? Liegt die Ursache dieser immer mehr mechanischen, unpersönlichen Behandlung in uns selbst?

Können wir vielleicht nur auf diese Weise mit den Ängsten fertig werden, die ein schwer oder hoffnungslos Erkrankter in uns selbst auslöst? Konzentrieren wir uns auf Blutdruckmesser und andere Instrumente, weil wir den drohenden Tod nicht sehen wollen, der so furchtbar und erschreckend ist, daß wir unser ganzes Wissen auf Apparaturen übertragen? Denn Instrumente bedrücken uns weniger als die leidenden Züge eines menschlichen Wesens, das uns wieder einmal an die eigene Ohnmacht erinnert, an unsere Grenzen, unser Versagen, unsere eigene Sterblichkeit.

Vielleicht müsste die Frage lauten: Werden wir menschlicher oder unmenschlicher? Dieses Buch will nicht die Antwort geben; doch wie sie auch immer ausfallen würde, steht eines doch fest: Der Patient leidet mehr, und wenn nicht körperlich, so doch in seinem Gefühlsleben. Seine Bedürfnisse haben sich im Laufe von Jahrhunderten nicht geändert, wohl aber unsere Fähigkeit, ihnen nachzukommen.“ …


Auszug aus dem Buch „Interviews mit Sterbenden“.

Ich hoffe, es hat Euch auch, wenn schon nicht unbedingt gefallen, so doch zum Nachdenken bewegt. Der Tod gehört zum Leben nun mal dazu, doch wir alle neigen dazu, ihn zu verdrängen (vor allem unseren eigenen, wie oben ja auch erwähnt). Und wenn er uns dann in der Familie oder im Freundes- und Bekanntenkreis be-trifft, sind wir oft Wort- und hilflos diesen Situationen ausgesetzt. Wer will schon das Ende sehen?! Aber ist der Tod wirklich das Ende? Mich tröstet nicht nur der Gedanke, dass meine Seele weiter lebt, sondern er nimmt mir auch die Angst vor meinem Ableben, weil ich weiß, dass es weiter geht, eben nicht das Ende ist. Mit diesem Satz schließe ich diesen Eintrag jetzt ab.

Danke fürs bis hier unten Lesen :-)




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