Mittwoch, 29. Oktober 2014

Orthopäde 4.0

Ich solle doch mal zum Facharzt gehen, meinte die Frau von der Techniker, als ich sie auf die Verschreibung von Krankengymnastik ansprach, die wohl für meinen Hausarzt mehr und mehr zum Problem wurde. Okay, dann mach ich da mal einen Termin. Mir grauste bei dem Gedanken an Orthopäden, den Göttern in Weiß in ihren schneeweißen Lacoste-Polos, hatte ich bislang nur negative Erfahrungen mit ihnen, drei in Summe, gemacht. Irgendwo hier habe ich glaub ich auch schon mal einen Blog über meine letzte Erfahrung geschrieben. Es sollte also nicht die Letzte sein. Klar, mit zunehmendem Alter... ach lassen wir das...

Gestern rief ich also bei Orthopäden Nr. 4 in meiner Laufbahn an, dem, der von hier aus am nächsten zu erreichen ist und bei dem ich bereits vor einigen Jahren mal mit Tim war (meine Erinnerung war nicht die allerschlechteste, aber vielleicht sind die ja bei Kindern netter und nicht ganz so flott). Altbackene Gemeinschaftspraxis, großer (hoffentlich modernerer) OP-Bereich, viel los, aber was solls... Ich rechnete mit immensen Wartezeiten für den Termin, doch wie durch ein Wunder konnte ich bereits für den folgenden Tag um 8.30 Uhr einen bekommen. Wow, das war ja schon mal nicht schlecht!

Ein Locher aus der Nachkriegszeit zierte die Theke der Anmeldung, an der bestimmt 8 Leute standen und bedient bzw. verteilt wurden. Eingeteilt wurde in Therapie und Termin, ich stand also bei Termin an, während die Therpieleute auf diverse Kabinen verteilt wurden. Im Wartezimmer saßen bereits mindestens 10 Leute und ich richtete mich auf eine lange Wartezeit ein, wenn die alle hier für "Termin" waren. Schlag halb neun kam die Arzthelferin rein und rief mich und zwei weitere Patienten auf. Ups, geht ja doch unerwartet zeitig los. Ich durfte in Zimmer 1 von 3 Platz nehmen und warten. Knappe 15 Minuten später flog die Türe auf und der Generalstabsarzt Dr. F. betrat das Zimmer mit zwei Assistentinnen, die, wo sie auch zunächst standen, im Weg standen, wie es schein. Hektik machte sich kurz breit. Mit vor der Brust verschränkten Armen baute sich der ca. Mitte fünfzig Jährige, hochgeschossene Arzt vor mir auf (ich saß klein und verschüchtert auf der Behandlungsliege) und fragte kurz und knapp, was ich für Beschwerden habe. So schnell ich konnte schilderte ich mein akutestes Problem, die heftige Verspannung rechts zwischen Hals und Schulter mit Ausstrahlung in die Hand. Puh, geschafft.

Was dann kam, erinnerte mich an Dalli Dalli Klick. Er fragte, ich antwortete, er beugte, drehte und schob mich, redete und gab Anweisung, die die beiden Damen so gut es ging notierten. Er klopfte hier, er neigte mich da, ich sagte Aua oder geht nicht weiter, er gab Anweisung, sie notierten, er fand eine Blockade, gab mir Anweisungen von wegen Hände verschränken und in den Nacken, nach vorne beugen und schmiss sich dann kurz und heftig auf mich und meine Brustwirbel (immer schön locker bleiben!), bis es knackte, freute sich unmerklich ("Sehn'se, da war er") und dann war der Spuk innerhalb von sage und schreibe drei Minuten vorbei, als er meinte, wir machen dann jetzt mal ein Röntgenbild von ihrem Halswirbelbereich. Als ich meine Bluse wieder anzog, hatte ich nur das Krankengymnastikrezept vor Augen, weswegen ich da war und das ich unbedingt haben wollte. Die Meinung, die ich bislang von Orthopäden hatte, wurde wieder einmal bestätigt, ich glaube sogar, die Assistentinnen hatten ein wenig Angst vor ihm, und wenn ich ehrlich bin, ging es mir wohl ähnlich.

Kurz gewartet, dann geröngt, dann wieder gewartet und nochmal ins Behandlungszimmer mit dem Doktor, den Röntgenbildern und den eifrigen Assistentinnen mit dem verschreckten Blick. Wie ausgewechselt war der Arzt dann mit einem Mal, nahezu die Ruhe selbst. Entspannt und ruhig stand er an den Bildern und erklärte mir tatsächlich sehr verständlich, wo meine Probleme lagen (dass es gleich so viele waren, hatte ich nicht erwartet, dachte ich doch, es wäre eine rein muskuläre Sache!) Dass meine Halswirbelsäule schief war, konnte selbst ich als Laie sehen, wusste allerdings nicht, dass sie in die falsche Richtung schief ist, ok, also Problem Nr. 1. Problem Nr. 2, die Bandscheiben, die man nicht sehen kann, wo aber die "Flecken" zu eng beieinander stehen. Somit kann es ein Bandscheibenvorfall sein, muss es aber nicht. Hierfür wäre ein CT nötig, aber damit warten wir erstmal ab. Problem Nr. 3, die beginnende Arthrose, sehen sie hier, die Kreise, die nicht mehr rund genug sind. Ah ja. Es folgte die Beschreibung der Therapien, die wir nun versuchen: Strecken, Reizstrommassage und Krankengymnastik. In aller Ruhe erklärte er mir weiter, dass ich in schlimmen Fällen auch ruhig mal eine Ibuprofen-Kur machen kann, welche Dosis ich wie lange nehmen kann und so weiter. Zum Schluss vereinbarte ich noch die sechs Termine für die Streck-Strom-Behandlungen und ging mit meinem fünf Mal Krankengymnastikrezept nach Hause. Der ist ja geiziger als mein Hausarzt, von dem bekomme ich immerhin sechs Mal verschrieben, tsss. Aber ein Anfang ist gemacht und zur Not, gehe ich halt noch mal hin. Ich hab jetzt keine Angst mehr, eigentlich war er ja am Schluss sogar richtig nett.

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Derweil plagt mich immer noch ein Muskelkater von der Funktionsgymnastik. Aber das soll und wird mich nicht daran hindern, heute wieder zu laufen. Alles andere nimmt auch seinen Lauf; der Termin für den Klinikaufenthalt wurde mir inzwischen mitgeteilt, es ist tatsächlich erst Mitte Februar möglich, und auch die Kasse hat schon den Aufenthalt bewilligt. Alles regelt sich. Nur nicht die Frage, wie es danach weiter geht. Die beschäftigt mich leider mehr als mir lieb ist, auch wenn das jetzt echt blöd und kontraproduktiv ist. Aber was will ich machen!?

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Ach ja, und meine Haare sind auch endlich wieder ab! Kuckstu hier:


So langsam sehe ich endlich wieder aus, wie ich. Die Gruselfratze, vor der ich mich jedes Mal beim Anblick in den Spiegel noch bis vor wenigen Tagen nahezu erschreckt habe, ist langsam wieder verschwunden. Schon erstaunlich, wie sich ein Mensch so verändern kann und wie stark die Ausstrahlung tatsächlich vom Inneren abhängt... Zum Vergleich nochmal das Bild von vor sechs Wochen, einfach nur fertig und ausgelaugt. Krass.




1 Kommentar:

  1. Na dann hoffen wir mal, dass dir jetzt nach so einer umfassenden Untersuchung auch wirklich geholfen werden kann :)

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