Freitag, 13. Februar 2015

Folgenschwere Erkenntnisse

Geschlüpft

Kribbeln
im Bauch.
Der erste Tag,
neue Umgebung, neues Leben.
Zaghaft.

Das Schreiben war während meines Klinikaufenthalt von sehr großer Bedeutung. Die oben geschriebenen Zeilen bezeichnet man als „Elfchen“, was weniger mit Elfen zu tun hat, denn mehr mit elf Worten, die in 1-2-3-4-1-Weise geschrieben werden. Man kann so viel damit zum Ausdruck bringen und ich finde diese Form  von Poesie wirklich sehr einfach und gleichermaßen schön.
In einer Geschichte, die ich fortführen musste, kamen wir über einen Satz zum Kern „meines Problems“. Dieser Satz lautete: „Der Hunger wies mir den Weg.“ Bereits beim Schreiben spürte ich seine elementare Aussage und als die Therapeutin ihn vorlas, wussten wir beide, dass dieser Hunger bei mir sehr ausschlaggebend ist. Dieser Hunger hat viele Gesichter, ich kann ihn  noch nicht wirklich greifen und definieren. Mir fallen einige Dinge dazu ein, die gewiss eine große Rolle spielen. So ist es zum Beispiel Fakt, dass ich seit meinem 12. Lebensjahr mit meinem Körpergewicht im Clinch liege und versuche, den Hunger zu kontrollieren und gehe in gewisser Weise sogar von einer Form von Essstörung bei mir aus; wenn auch nicht so schlimm wie eine Bulimie, so kreisen meine Gedanken ständig ums Essen, ums Abnehmen und meistens, wenn ich gegessen habe, habe ich ein schlechtes Gewissen. Dann spielt wohl der Hunger, den mein Opa auf seiner Flucht aus Ungarn und seiner Zeit im Krieg und in späterer Gefangenschaft leiden musste, wohl ebenfalls bei mir „mit rein“. Über das Buch „Kriegsenkel –Die Erben der vergessenen Generation“ von Sabine Bode kam ich zu diversen Erkenntnissen, dass die Geschehnisse des Krieges, bzw. sogar beider Kriege, noch meine Seele beeinflussen. Das Buch wurde in der Klinik von Hand zu Hand gereicht! Nahezu auf jeder Seite habe ich mich, meine Eltern oder Großeltern in dem Buch wieder gefunden! Schon beim Lesen der ersten Seiten platzte ein Knoten bei mir und meiner Mutter, zu der ich seit vielen Jahren ein sehr schwieriges Verhältnis habe. Durch das Buch habe ich für mich ein anderes Verständnis bekommen, dachte ich doch seit vielen Jahren schon, dass mit mir etwas nicht stimmt, ich nicht alle Tassen im Schrank habe, umtriebig, rast- und ruhelos bin, nie wirklich glücklich und zufrieden über einen längeren Zeitraum sein kann. Ich hatte keine  plausible Erklärung dafür, dass ich seit früher Jugend depressiv bin und regelmäßig von Selbstmordgedanken heimgesucht werde.
Nun stehe ich wieder an einem Scheidepunkt in meinem Leben. Ich habe meine zweite Ehe in den Sand gesetzt, den zweiten guten Mann verlassen und weiß nun, dass ich mich mit mir zunächst aussöhnen muss, bevor ich mich einem anderen Menschen „zumuten“ kann. Ich weiß nun, dass es eine Ursache gibt, warum ich mich selbst nicht lieben und akzeptieren kann, wie ich bin, und dies muss ich jetzt erarbeiten, annehmen und auflösen. Für Dirk tut es mir unsagbar leid, dass er nun der Leidtragende in dieser Angelegenheit ist – ich hoffe, er versteht und verzeiht es mir irgendwann!

Auf der ganzen Linie muss ich also gerade mein Leben neu sortieren, denn für mich steht fest, dass ich in meinen alten Job als Schulsekretärin nicht mehr zurückgehen werde. Es bleibt also spannend, es wird ein interessantes Jahr. Aber ich bin von einer sehr positiven Grundstimmung geprägt, das Licht am Horizont ist deutlich zu sehen.

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