Montag, 12. Oktober 2015

Denkfehler?

Ich weiß gerade nicht mehr so ganz, wohin mit meinen Gedanken. Fakt ist, dass ich schon von den Flüchtlingen träume - und nein, das ist kein Scherz! Eigentlich wollte ich das Thema hier nicht zum Thema machen, aber, wie schon erwähnt, irgendwas muss irgendwie raus bei mir. Es treibt mich um, es beschäftigt mich, es arbeitet in mir...

Wo ist die Grenze zwischen rechts, links, liberal, Gutmensch oder Wutbürger? In Zeiten wie diesen ist es verdammt schwer, irgendwie objektiv, ja gerecht zu bleiben, seiner inneren Stimme noch zu vertrauen, wenn der Informationsfluss so umfangreich ist. Die Einen argumentieren so, die Anderen genau das Gegenteil und mittendrin bin ich irgendwie.

Ich, die von je einem Viertel Opa aus Ungarn stammt, das andere Viertel Opa aus Polen, dem Rest aus Deutschland, ja sogar Bayern, verheiratet mit einem Mann, der aus der ehemaligen DDR vor dem Mauerfall in den Westen gekommen ist. Ich, die schon in der Grundschule den armen Kindern in Afrika helfen wollte, die als Jugendliche SOS Kinderdorfmutter werden wollte, ich, die im Wartezimmer eines Arztes in Tränen ausbricht, weil der Bericht im Stern über Tierquälerei so entsetzlich ist, ich, die in einer Schule arbeitet, wo es teilweise in Klassen mit 26 Kindern je 19 mit Migrationshintergrund gibt, ich, die ganz bestimmt das Herz am rechten Fleck hat und die wütend wird, bei jeder Form von Ungerechtigkeit, sei es Armut, Unterdrückung, Misshandlung oder was auch immer jemandem (Mensch wie Tier) an Leid und Schmerz an Leib und/oder Seele zugefügt wird. Nicht ohne Grund bin ich viele Jahre Klassensprecherin gewesen, habe Minderheiten immer versucht zu integrieren und hatte nie etwas übrig für Diskriminierungen und Ausgrenzungen, von Schadenfreude ebenfalls keine Spur. Natürlich kann ich mich nicht davon frei sprechen, auch mal einen dummen Spruch gebracht zu haben, aber im Großen und Ganzen hab ich mich eher fremd geschämt, als mit gemacht.

Meine oben genannten Opas kämpften beide im Krieg für Deutschland, beide sind in Gefangenschaft gewesen. Einer der beiden war bei der SS, wenn ich mich recht erinnere, doch wurde da wenig drüber gesprochen, so dass ich wenig Fakten habe. Dennoch. Mein Vater hieß Hermann und sein älterer Bruder Adolf - mehr brauche ich dazu wohl nicht zu sagen! Mir ist seit je her alles ein Graus, was mit dieser braunen Seuche zu tun hat. Ich behaupte daher zu Recht, fernab von jeglichem Rechtsradikalismus zu sein. Ich bin die Enkelin, die immer noch "den Ballast der Republik" auf ihren Schultern trägt und ich verachte diejenigen, die nichts aus dieser Vergangenheit gelernt haben!

Aber -> ich bin Deutsche und ich bin es gerne. Ich bin stolz auf mein tolles Deutschland, war oft genug im Ausland, um mir einen Vergleich erlauben zu können und sehe darüberhinaus, was in anderen Ländern abgeht. Ja, klar, wir haben wohl recht viel Bürokratie hier, aber genau diese Bürokratie und Genauigkeit hat uns doch auch zu dem geordneten und sicheren Land gemacht, das wir heute sind. Es ist ein Land, in dem es sich sehr gut leben läßt, wo niemand unter der Brücke landen muss, der es nicht will, hier wird sich gekümmert, wenn auch viele das anders sehen. Ich mag unsere deutschen Werte und Bräuche, die Regeln und Umgangsformen, die Sicherheit und Meinungsfreiheit und bin doch im Großen und Ganzen nicht unzufrieden, so, wie es hier läuft

Ich bin aufgewachsen in einer kleinen Vorstadt, wo es, seit ich denken kann, die sogenannten Gastarbeiter gab. Die Türken und Marokkaner mit ihren schwarz umränderten Augen, die bei uns unter Tage arbeiteten, gehörten zu  meinem Bild von unserer Stadt dazu. Da waren auch Spanier, Italiener und Griechen - ihre kulinarischen Vorzüge lernten wir als erstes kennen und lieben. Die meisten von ihnen waren rasch integriert und durften sich doch ihre herkunftlichen Besonderheiten bewahren. Einige von ihnen verkehrten sogar in unserer Kneipe und später in der Schule gehörten ihre Kinder zu meinen Klassenkameraden und nur ihre dunklere Haut, ihre schwarzen Haare und ihre nicht typisch deutschen Namen unterschieden sie von uns Deutschen. Sie gehörten eben einfach dazu.

Und dann kamen die Ossis in den Westen. Da ich durch meinen in Dresden geborenen Mann unmittelbar von dieser Geschichte Deutschlands betroffen bin, kann ich nur sagen, ein Vergleich mit der jetzigen Flüchtlingswelle hinkt, aber ganz gewaltig! Hier waren Deutsche von Deutschen durch eine Mauer getrennt, hier sprach man die selbe Sprache und pflegte die selben Bräuche, Kulturen und Religionen. Das Ende des kalten Krieges und das Öffnen der Grenzen, das war wirklich ein Grund zum Jubeln und Beifall klatschen. Mir schießen heute noch die Tränen in die Augen, wenn ich die Bilder vom Mauerfall sehe.

Diese aktuelle Flüchtlingswelle, die gerade über uns einbricht, die macht mir gehörig Angst. Sicher habe ich mein Herz immer noch auf dem rechten Fleck und all die Syrer, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, denen soll geholfen werden, ja, gewiss auch hier in Deutschland. Doch was ist mit jenen, den sogenannten Wirschaftsflüchtlingen, die auf diesen Zug im wahrsten Sinne des Worts aufspringen? Natürlich ist es nicht schön, in Armut zu leben und ich will all die ganzen Einzelschicksale ehrlich gesagt gar nicht hören, denn das Leid der Anderen zieht mich gerade enorm runter. Aber es hat immer schon arm und reich gegeben, so ist das und so wird das sicher auch noch lange bleiben. Ich möchte einfach nicht, dass Deutschland ausgenutzt wird. Deutschland ist ein reiches Land, Deutschland ist ein gutes Land. Aber Deutschland ist Deutschland und nicht die ganze Welt, auch wenn ein Herr Hitler das mal anders haben wollte. Deutschland kann nicht die Welt retten, auch wenn ich einer Frau Merkel, die ich bislang sehr geschätzt habe, sehr heere und ideologische Ziele mit leichtem Hang zum Größenwahn nun unterstellen muss. "Wir schaffen das!" und Selfies mit Flüchtlingen sind meiner Meinung nach das falsche Signal, wir werden gerade überrollt von einer Menschenmasse, der wir nicht gerecht werden können. Klar, wir können sie erstmal "rein lassen", aber was ist das für eine Alternative, seit drei Wochen in Berlin vor dem Ausländeramt zu verharren!? Und wie geht es dann weiter?

Integration heißt das Zauberwort anscheinend, mit dem alles möglich ist. Unsere Sprache zu lernen steht da an allererster Stelle. Das ist für viele sicher nicht das Problem. Ich habe da eher Sorge um das, was in den Köpfen vieler muslimischer Männer seit je her Gang und Gäbe zu sein scheint, ein frauenfeindliches Bild, das keinen Respekt vor meines Gleichen demonstriert und außerdem noch wenig bis Null Toleranz gegenüber anders Gläubigen. Da ist die Sprache der Unreinen noch das kleinste Übel. Ich habe Angst vor einem großen gesellschaftlichen Rückschritt und vor allem vor Entfremdung.

Ortswechsel: Ich bin aktuell mit Dirk in München und ich bin entsetzt über die vielen Bettler, die Krüppel, die man zur Schau stellt, die man abrichtet und vorführt wie Tiere, die Ärmsten der Armen, die man instrumentalisiert und missbraucht. Das macht mich so wütend! Heute morgen dann auch noch im Morgenmagazin der Bericht, dass Züge weise !! die Menschen an der ungarisch-kroatischen Grenze kontrolliert wie es nun heißt nach Österreich und somit auch Deutschland durchgeschleust werden. Ich finde, es wird jetzt wirklich höchste Zeit, dass die Politik endlich auf diese Situation reagiert. Oder habe ich einen Denkfehler und es ist wirklich alles noch zu schaffen? Ich habe zumindest am Münchner Hauptbahnhof niemanden mehr gesehen, der noch Beifall klatscht.

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